Religion lehren & lernen

Dr. Wolfgang Michalke-Leicht | Religionspädagoge

Alles ist nur Übergang

31. Dezember 2015

 

Kaum ein sprachliches Bild ist so gut geeignet, das menschliche Dasein in seiner wechselvollen und bisweilen auch dramatischen Gestalt zu veranschaulichen, wie das des Weges. Wir Menschen sind auf dem Weg. Immer. Wir leben übergangsweise. Kaum jemand wird dies im Blick auf die eigene Biographie in Abrede stellen. Auf einer alten Brückeninschrift in Wien heißt es:

 

Alles ist nur Übergang.
Merke wohl die ernsten Worte:
Von der Stunde, von dem Orte
Treibt dich eingepflanzter Drang.
Tod ist Leben, Sterben Pforte.
Alles ist nur Übergang.

 

Ja, die Lebenswege und ihre Übergänge sind höchst vielfältig, meist nicht gerade, selten übersichtlich. Die nächste Biegung schon kann Heil oder Unheil bedeuten - wir wissen es nicht, werden es niemals wissen. Wundert es da, dass wir in dieser Unwägbarkeit nach Halt und Orientierung suchen, gerade auch an den Übergängen?

Seien sie schroff oder auch fließend, ihrer gibt es reichlich: Bereits der Eintritt in das Leben bei der Geburt ist ein Übergang, der es in sich hat, gefolgt von weiteren Lebensphasen mit ihren Umwälzungen wie Kindheit, Pubertät, Partnerschaft, Familiengründung, Krankheit und Tod. Und auch sonst sind uns Übergänge aufgegeben: vom Kindergarten über die Schule, von der beruflichen Ausbildung bis hin zum Ruhestand. Alles ist Übergang - nicht zuletzt deswegen sind wir hier, am heutigen Silvesterabend.

Diese Übergänge wollen gestaltet sein, sie suchen den bergenden und schützenden Raum, sie brauchen stützende Rituale. Der französische Ethnologe Arnold van Gennep hat vor über 100 Jahren eben solche Übergangsriten - er nennt sie "rites de passage" (Passagenriten) - identifiziert. Es gibt sie in allen Kulturen der Welt und sie sind durch drei Phasen gekennzeichnet: Die Phase der Ablösung, in der das Alte meist schmerzlich zurückgelassen werden muss; die Zwischenphase, die gekennzeichnet durch große Ambivalenz, in der unterschiedliche Kräfte hin und her streben; schließlich die Integrationsphase, in der eine neue Identität gefunden und angenommen werden kann.

Religiöse Menschen, solche, die der Wirklichkeit Gottes in ihrem Leben Raum geben können, sie vertrauen sich in jenen rites de passage der lebenspendenden Kraft Gottes an. Diese Heilige Geistkraft Gottes, die wir auch Liebe nennen können, sie geht alle Wege mit, auch den, den wir heute Nacht gemeinsam gehen.

 

 

"Ein Fasten, wie ich es liebe..."

10. März 2015

 

Gerechtigkeit ist einer der Namens Gottes. Die persönliche Beziehung zu Gott ist daher immer verbunden mit der Beziehung zu den Nächsten. Die vierzig Tage des österlichen Bußzeit fordern mich nicht nur heraus, frei und leer zu werden von eingefahrenen Gewohnheiten, um für die Gegenwart Gottes wach und aufmerksam zu sein. Sie fordern mich ebenso dazu auf, die Menschen und die Welt um mich herum mit den Augen Gottes in den Blick zu nehmen. Die Fastenaktion von MISEREOR thematisiert diesen Zusammenhang, den der Prophet Jesaja in einer Gottesrede stark macht:

 

"Ist das ein Fasten, wie ich es liebe, ein Tag, an dem man sich der Buße unterzieht: wenn man den Kopf hängen lässt, so wie eine Binse sich neigt, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem Herrn gefällt? Nein, das ist ein Fasten, wie ich es liebe: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, die Versklavten freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen,an die Hungrigen dein Brot auszuteilen, die obdachlosen Armen ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deinen Verwandten nicht zu entziehen. Dann wird dein Licht hervorbrechen wie die Morgenröte, und deine Wunden werden schnell vernarben. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des Herrn folgt dir nach."

Jes 58, 5-8

 

 

Den Aufbruch wagen

18. Dezember 2013

 

Mit seinem Apostolischen Schreiben Evangelii Gaudium hat Papst Franziskus in deutlilcher Weise eingefordert, was in der römisch-katholischen Kirche seit Jahren ansteht: eine tiefgreifende Refom. Wer hätte vor einem Jahr gedacht, dass solche Worte aus Rom möglich sind!

"Brechen wir auf, gehen wir hinaus, um allen das Leben Jesu Christi anzubieten! Ich wiederhole hier für die ganze Kirche, was ich viele Male den Priestern und Laien von Buenos Aires gesagt habe:

Mir ist eine „verbeulte“ Kirche, die verletzt und beschmutzt ist, weil sie auf die Straßen hinausgegangen ist, lieber, als eine Kirche, die aufgrund ihrer Verschlossenheit und ihrer Bequemlichkeit, sich an die eigenen Sicherheiten zu klammern, krank ist.

Ich will keine Kirche, die darum besorgt ist, der Mittelpunkt zu sein, und schließlich in einer Anhäufung von fixen Ideen und Streitigkeiten verstrickt ist. Wenn uns etwas in heilige Sorge versetzen und unser Gewissen beunruhigen soll, dann ist es die Tatsache, dass so viele unserer Brüder und Schwestern ohne die Kraft, das Licht und den Trost der Freundschaft mit Jesus Christus leben, ohne eine Glaubensgemeinschaft, die sie aufnimmt, ohne einen Horizont von Sinn und Leben.

Ich hoffe, dass mehr als die Furcht, einen Fehler zu machen, unser Beweggrund die Furcht sei, uns einzuschließen in die Strukturen, die uns einen falschen Schutz geben, in die Normen, die uns in unnachsichtige Richter verwandeln, in die Gewohnheiten, in denen wir uns ruhig fühlen, während draußen eine hungrige Menschenmenge wartet und Jesus uns pausenlos wiederholt: » Gebt ihr ihnen zu essen! « (Mk 6,37)."

Papst Franziskus, Evangelii Gaudium, 49

 

 

Nimm mich mir ...

13. November 2013

 

Der auch als Bruder Klaus bekannte Niklaus von der Flüe (1417-1487) wählte nach seiner "Familienzeit" die Lebensweise der strengen Askese. In seiner Klause im Flüeli bei Sachseln im Kanton Obwalden/CH sucht er der heilgen Gegenwart Gottes in seinem Leben und in der Welt nachzuspüren.

 

Bei aller nationalen Engführung seines politischen Wirkens war er ein durch und durch spiritueller Mensch, dessen Weite seine Zeitgenossen faszinierte. Die Tiefe seiner mystischen Erfahrung kommt in seinem berühmten Gebet zum Ausdruck:

 

Mein Herr und mein Gott,
nimm alles mir,
was mich hindert zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
gib alles mir,
was mich führet zu dir.

Mein Herr und mein Gott,
nimm mich mir
und gib mich ganz zu eigen dir.

 

 

 

Ich freue mich, dass ich mich freu'.

1. August 2013

 

Die Freude ist ein Geschenk, wir können sie nicht machen oder herstellen. Wir können sie uns nur geben also schenken lassen. Auf den ersten Blick scheint das eine Einschränkung zu sein. Warum sollte ich mir selbst nicht eine Freude machen können? Wer jedoch genau hinschaut, wird schnell merken: wahre Freude ist erst dann vollkommen, wenn andere Menschen ins Spiel kommen. Ein Fest allein ist nur mäßig spaßig und ein Spiel allein, ist auch nicht gerade der Hit. Freude ist wie ein Funke, der zwischen dir und mir überspringt.

 

Auch das Leben selbst ist Anlass zur Freude: der blaue Himmel, die wärmende Sonne, das kühle Wasser, das frische Grüne, die ganz Welt um mich herum kann mich erfreuen; wenn ich mich dafür öffne. Die Dichterin Mascha Kaléko hat ein Gedicht über die Freude geschrieben, und diese Freude steckt an... >>>

 

"Ich freue mich, dass ich mich freu'." Es ist eine reine Lust. "An solchem Tag erklettert man die Leiter, die von der Erde in den Himmel führt." Hier bin ich eins mit mir und der Welt. Ein göttlicher Funke springt über.

In der Bibel spielt die Freude eine große Rolle. Allein das Wort Evangelium meint ja Freudenbotschaft. Die Engel, die den Kontakt zwischen Menschen und Gott darstellen, sagen immer wieder, freut euch oder freue dich, die Freude an Gott ist eure Stärke. Ja, Gott selbst freut sich am Menschen und im Himmel ist große Freude unter den Engeln über jeden und jede von uns.

Die Freude, sie ist ein schöner Götterfunken, Gottes Glanz - seine Kawod - leuchtet auf den Gesichtern der Menschen, die sich freuen - schauen Sie genau hin ... >>>

 

 

Mit beiden Beinen auf der Erde

Mai 2013

 

Christinnen und Christen bekennen: Jesus Christus ist "aufgefahren in den Himmel". Wie viele andere Formulierungen des Credo so ist auch dieser Glaubenssatz heutigen Menschen mehr missverständlich als zugänglich. Doch es gibt bereits in der Bibel Lesehilfen, um die Tiefe dieses Bekenntnisses zu erschließen.

Im Evangelium nach Johannes sagt Jesus von sich: "ich gehe zum Vater" (vgl. Joh 16,17). Damit wird die Vereinigung des Auferstanden mit der Heiligen Gegenwart Gottes umschrieben. Keine "Auffahrt" in ein irgendwie geartetes Oben wird hier angekündigt, sondern der Übergang in eine andere Seinsweise im Hier und Jetzt.

Die sogenannten Abschiedsreden Jesu (vgl. Joh 14-16) umschreiben diese mystische Einheit Jesu mit Gottes Gegenwart. Die Jüngerinnen und Jünger Jesu sind eingeladen, dieser mystischen Einheit in ihrem Leben Raum zu geben. So wie Jesus in Gottes Gegenwart gegründet ist, so können auch sie in Gottes Gegenwart aufgehoben sein. Die dynamische Atmopshäre dieser mystischen Beziehung kommt in der Vorstellung von der Heilligen Geistkraft zum Ausdruck, sie gebiert neues Leben - gegenwärtigen Augenblick.

Wie das werden (oder sein) kann: schaut nicht nach oben (vgl. Apg 1,11) und sucht den Lebenden nicht bei den Toten (vgl. Lk 24,5), sondern geht nach Galilä - will sagen: geht in euren Alltag, steht mit beiden Beinen in der Wirklichkeit dieser Welt, dort erwartet euch Gottes Heilige Gegenwart.

 

 

 

 

Vorrangige Option für die Jugendlichen

März 2013


Die ersten Schritte von Papst Franziskus stimmen hoffnungsvoll; sie erinnern an die Botschaften der Konferenzen des CELAM von Medellin (1968) & Puebla (1979).

 

1166 Den jungen Menschen ist der lebendige Christus als der einzige Erlöser nahe zu bringen, damit sie, selbst evangelisiert, evangelisieren und mit einer Antwort der Liebe zu Christus beitragen zur umfassenden Befreiung des Menschen und der Gesellschaft, indem sie ein Leben der Gemeinschaft und Mitbeteiligung führen.

 

1167 Merkmal der Jugend ist, daß sie nicht nur eine Personengruppe bestimmten Alters umfaßt. Jugend ist auch eine Haltung gegenüber dem Leben in einem Abschnitt, der nicht endgültig, sondern ein Übergang ist. Er hat sehr charakteristische Merkmale (1168):

  • Nonkonformismus, der alles in Frage stellt;
  • Risikofreude, die zu radikalen Verpflichtungen und Situationen führt;
  • schöpferische Kraft mit neuen Antworten auf die sich verändernde Welt, die die Jugend als Zeichen der Hoffnung ständig verbessern will.
  • Ihre spontanste und stärkste persönliche Bestrebung gilt der Freiheit, die sich jeder äußeren Vormundschaft entzieht.
  • Die Jugend ist das Zeichen für Freude und Glück.
  • Sie ist sensibel gegenüber gesellschaftlichen Problemen.
  • Sie fordert Echtheit und Einfachheit und
  • lehnt rebellisch eine Gesellschaft ab, die von Heuchelei und Fehlwerten gekennzeichnet ist.

 

1169 Diese lebendige Kraft befähigt sie, die Kulturen zu erneuern, die andernfalls dem Alterungsprozeß ausgesetzt wären.


Die Evangelisierung Lateinamerikas in Gegenwart und Zukunft, Kapitel II Vorrangige Option für die Jugendlichen. Dokument der III. Generalkonferenz des lateinamerikanischen Episkopats in Puebla, 13. Februar 1979.

 

 

 

 

Der leere Stuhl

Februar 2013

 

Der Stuhl ist leer. Am 18. Februar hat Benedikt XVI seinen Amtsverzicht öffentlich gemacht, der zehn Tage später, am 28. Februar 2013 um 20 Uhr wirksam werden sollte. Dieser kirchengeschichtlich nahezu einmalige Vorgang hat vor allem auch eine symbolische Kraft. Die Leitung der römisch-katholischen Kirche stolpert über ihren eigenen Anspruch. So wie bisher geht es nicht mehr weiter.

Vielleicht kann die Zeit der Sedisvakanz dazu beitragen, dass die Verantwortlichen vom unseligen römischen Zentralismus der vergangenen Jahrzehnte und der Verabsolutierung des Papstums abrücken und sich auf die Lesart des Zweiten Vatikanischen Konzils besinnen, welches die besondere Bedeutung der Ortskirchen hervorhebt. Ob die Kardinäle der Heiligen Geistkraft Gottes Raum geben?

 

 

 

Er bringt wirklich das Recht

Januar 2013

 

Die konventionelle Christologie sieht in der Taufe Jesu in erster Linie jenes Inthronisationsgeschehen, wie es z.B. in Ps 2,7 und in Hebr 1,1-5 zum Ausdruck kommt: Jesus von Nazaret wird öffentlich als der von Gott Erwählte, als der Messias proklamiert, der in Gottes Namen dessen Willen vollzieht; worin aber dieser Wille Gottes besteht, wird nicht selten übersehen.

Der korrespondierende Text in Jes 42,1-7 bringt diesen Willen auf den Punkt: Seht, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Völkern das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Straße erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er wird nicht müde und bricht nicht zusammen, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf sein Gesetz warten die Inseln. So spricht Gott, der Herr, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der den Menschen auf der Erde den Atem verleiht und allen, die auf ihr leben, den Geist: Ich, der Herr, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich habe dich geschaffen und dazu bestimmt, der Bund für mein Volk und das Licht für die Völker zu sein: blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und alle, die im Dunkel sitzen, aus ihrer Haft zu befreien.

 

 

 

Kündet allen in der Not

Dezember 2012

 

Weihnachten ist kein historisches Datum, Weihnachten ist ein Glaubensbekenntnis: Gott wird Mensch. Wir haben uns vielleicht zu sehr an diese Formulierung gewöhnt, als dass wir noch spüren, welche Radikalität darin steckt.

Der 25. Dezember ist ein theologisches Datum. Auf dem röm. Fest des sol invictus platziert  formuliert es einen unerhörten Anspruch, damals im 4. Jhdt. ebenso wie heute.
Am 21. Dezember erreicht der Stand der Sonne seinen Tiefpunkt. Es ist die Zeit der großen Dunkelheit, der Dunkelheiten

  • der Welt mit ihren vielen Schattenseiten,
  • des Lebens mit seinen Leiden und Abgründen,
  • des Scheiterns und der Verzweiflung so vieler ungezählter Menschen.

In diese Dunkelheiten hinein kommt Gott zur Welt; nicht in einem Palast, sondern in einem Stall. Die biblischen Texte betonen das immer wieder.

"Als tiefes Schweigen das All umfing und die Nacht bis zur Mitte gelangt war, da sprang dein allmächtiges Wort vom Himmel, vom königlichen Thron herab." (Weisheit 18,14f.)

Auch im Eingangsteil des Johannesevangeliums ist davon die Rede, dass Gottes Wort, also Jesus Christus, in die Finsternis kommt. Dorthin, wo größte Dunkelheit herrscht, wo alles aus ist und am Ende, wo es nicht mehr weitergeht, wo es keinen Sinn gibt, wo Leiden und Tod das letzte Wort zu haben scheinen. Gott kommt gerade dorthin, wo die Not am größten ist.

Darin liegt das Unerhörte des weihnachtlichen Bekenntnisses, dass Gott Mensch wird in der Mitte der dunklen Nacht der Seele und der Welt.
Christinnen und Christen feiern dieses Bekenntnis, weil es ihnen Trost und Hoffnung ist. Keine Not der Welt und kein Elend unserer Seelen kann so groß sein, dass Gottes Licht es nicht hell und heil machen könnte. Darum singen wir auch in der längsten Nacht des Jahres:

Kündet allen in der Not, fasset Mut und habt Vertrauen, bald wird kommen unser Gott, herrlich werdet ihr ihn schauen. Allen Menschen wird zuteil Gottes Heil.
 

 

 

Presente

November 2012

 

In den lateinamerikanischen Basisgemeinden wird die Erinnerung an die Verstorbenen als Vergegenwärtigung gefeiert. "Presente" ruft die Gemeinde, wenn der Name der entsprechenden Person genannt wird. Presente - sie oder er ist gegenwärtig, mitten unter uns. Insbesondere die verstorbenen Glaubenszeugen erfahren auf diese Weise eine Solidarität, die über den Tod hinaus geht: Oscar Romero - presente.

Darin liegt ein enormes spirituelles und politisches Potenzial. Das Bulletin der Christlichen Initiative Romero CIR heißt genau so: presente

Das Fest Allerheiligen - quasi ein herbstliches Ostern - ist vor allem ein Fest der solidarischen Verbundenheit der Lebenden mit den Verstorbenen, die bei Gott sind. Darum ist an diesem Tag der Friedhof ein Ort der Gemeinschaft, an dem gegessen und getrunken wird; denn die Verstorbenen sind presente.

 

 

Baue meine Kirche wieder auf

Oktober 2012

 

Wenn in der kirchlichen Tradition von Franz von Assisi - dem Povorello - die Rede ist, so wird vor allem die Radikalität seiner Armut und Demut als leuchtendes Beispiel hervorgehoben.

So wichtig diese Haltungen auch sind, geflissentlich übersehen wird dabei gerne die radikale Institutionskritik, die mit dieser Haltung verbunden ist.

Die prophetische Kritik des Heiligen Franziskus an den Auswüchsen der kirchlichen Hierarchie seiner Zeit ist nach wie vor von bleibender Bedeutung.

Die göttliche Sendung "Baue meine Kirche wieder auf!" zielt auch auf den desolaten Zustand der Kirchen heute.

 

 

 

 

 

 

Weltfriedenstag am 21. September

September 2012

 

"I urge everyone, between now and 21 September, to think about how they can contribute. Let us work together to ensure that the Road from Rio leads us to sustainable development, sustainable peace… and a secure future for all."

 

Mit diesem eindringlichen Appell ruft UN-Generalsekretär Ban Ki-moon alle Menschen zum Weltfriedenstag der UN auf, sich für eine nachhaltige Entwicklung hin zu einem nachhaltigen Frieden einzusetzen.

 

Die aktuelle Aktion der NGO attac "umfaiteilen" lässt dieses Anliegen konkret werden.

 

Für Christinnen und Christen, die sich in der biblischen Tradition sehen, klingt hier das Wort des Propheten Jesaja an: "Wascht euch, reinigt euch! Lasst ab von eurem üblen Treiben! Hört auf, vor meinen Augen Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! Sorgt für das Recht! Helft den Unterdrückten! Verschafft den Waisen Recht, tretet ein für die Witwen!"

Jes 1, 16f.

 

 

 

 

einfach leben

August 2012

 

Das Sonnenhaus Beuron ist ein ganz besonderer Ort. Hier werden Meditations- und Fastenkurse angeboten, die zu einer lebendigen Spiritualität in engagierter Weltverantwortung führen.

Die Meditation eröffnet Wege hin zu einer gewandelten Lebenshaltung, aus der ein gewandelter Lebensstil erwächst. Kampf und Kontemplation - beide Aspekte sind gleich wichtig: Der Weg nach Innen und der Weg nach Außen.

 

© Sonnenhaus Beuron

 

 

Illum oportet crescere

Juli 2012

 

In der Mitte des Jahres feiern Christinnen und Christen das Fest Johannes des Täufers. Die Sommersonnenwende ist passiert, die Tage werden wieder kürzer. Von nun an richtet sich der Blick auf das Ereignis am Ende des Jahres, auf die Geburt Jesu von Nazaret, deren Fest genau sechs Monate später begangen wird.

Damit wird jene spirituelle Bewegung aufgenommen, die Johannes in seinem Zeugnis über Jesus, den Christus hervorgehoben hat: Illum oportet crescere me autem minui - er muss wachsen, ich aber muss abnehmen (Joh 3,30). Wenn Christus in mir mehr und mehr Gestalt gewinnt, werde ich in seiner Nachfolge klarer und entschiedener Gottes Wege der Gerechtigkeit und des Friedens gehen können.

Die Bedeutung dieser spirituellen Haltung findet sich in kongenialer Weise dargestellt auf der ersten Schautafel des Isenheimer Altars. Der ausgestreckte Zeigefinder des Täufers ist überproportional lang und weist auf den am Kreuz hängenden Christus.

 

 

 

 

 

Dürrem gieße Leben ein ...

Juni 2012

 

Zu Pfingsten wird die großartige Sequenz "Veni Sancte Spiritus" gesungen, die das Wirken der Heiligen Geistkraft Gottes beschreibt. In der Übertragung von Marie Luise Thurmair heißt es im siebten Vers "Dürrem gieße Leben ein" (vgl. GL 244).

 

Nicht nur das Feuer, der Sturm und (eher verharmlosend) die Taube stehen für die Wirkungen der Geistkraft. Auch das Wasser bringt zum Ausdruck, wie Gottes Geistkraft im Leben der Menschen erfahrbar wird: als belebende und mitreißende Energie. Angesichts der desolaten Situation der Kirche(n) braucht es diese mehr den je.

 

 

 

 

Die Welt ist Gottes so voll

Mai 2012

 

„Das eine ist mir so klar und spürbar wie selten:

 

Die Welt ist Gottes so voll. Aus allen Poren der Dinge quillt uns dies gleichsam entgegen. Wir bleiben in den schönen und in den bösen Stunden hängen. Wir erleben sie nicht durch bis zu dem Punkt, an dem sie aus Gott hervorströmen. Das gilt für das Schöne und auch für das Elend.

 

In allem will Gott Begegnung feiern und fragt und will die anbetende, liebende Antwort. Die Kunst und der Auftrag ist nur dieser, aus diesen Einsichten und Gnaden dauerndes Bewusstsein und dauernde Haltung zu machen bzw. werden zu lassen. Dann wird das Leben frei in der Freiheit, die wir oft gesucht haben.“

Alfred Delp SJ am 17. November 1944

 

 

 

Ostern - Des Lebens Blütensieg

April 2012

 

Freunde, dass der Mandelzweig
sich in Blüten wiegt,
bleibe uns ein Fingerzeig,
wie das Leben siegt.


Schalom Ben-Chorin (1942)

 

Es ist eines der treffendsten Auferstehungsbilder, das sich in diesem kurzen Text findet: Das Leben besiegt den Tod im Blütenmeer. Selbstverständlich erschöpft sich der christliche Auferstehungsglaube nicht in romantisierender Naturmystik. Dennoch, das Bild der frühen Frühlingsblüte bringt es auf den Punkt: nicht der Tod hat das letzte Wort, sondern das Leben.

 

 

 

 

Mache dich auf und geh

März 2012

 

Die Religion ist ein Weg und kein Haus. Wer sich einrichtet hinter festen Mauern, wird der Dynamik der Beziehung zu Gott nicht gerecht. Die Wochen vor Ostern bieten die Chance, dem Wegcharakter der Religion und des Glaubens neu auf die Spur zu kommen.

 

Gott ist unterwegs mit den Menschen, mit jedem und jeder von uns. Nicht von ungefähr kennt die Tradition zahlreiche Weggeschichten, Wegmotive und Wegweisungen.

 

Eines der immer wieder anklingenden biblischen Worte ist der göttliche Impuls: "Mache dich auf und geh wohin ich dich führen werde!" Im Gehen, im Unterwegssein liegt ein spirituelles Potenzial, das nicht erst seit HaPe Kerkeling die Menschen fasziniert. Gott zeigt sich im Aufbrechen, im Gehen, im Verlassen der eingefahrenen Bahnen.

 

 

 

 

Uns geht ein Licht auf

Februar 2012

 

Anfang Februar ist es deutlich spürbar: die Tage werden länger. Auch wenn der Winter noch nicht ganz vorbei ist, so gleicht die steigende Sonne doch einer Verheißung: uns geht ein Licht auf.

 

Schon immer ist für geistliche Menschen diese Naturerfahrung ein Bild der wirksamen Gegenwart Gottes in ihrem Leben. Inmitten der eigenen Schatten und Dunkelheiten geht uns ein Licht auf, das uns Menschen erleuchtet (vgl. Lk 2,32) und unser Leben in allen seinen Schattenseiten mit göttlicher Kraft durchflutet.

 

Christus, dein Licht, verklärt unsre Schatten“, so singt die Gemeinschaft von Taizé.
 

 

 

Unter einer Decke stecken

Januar 2012

 

Ich wünsche dir,
dass du in diesem Jahr gut schläfst,
dass du mit den Deinen unter einer Decke steckst,
dass du den Boten Gottes erkennst,
wenn er sich in dein Leben einmischt,
dass du bereit bist, andere aufzuwecken,
wenn es notwendig ist,
dass du Ja sagst,
wenn du als Bote Gottes ausgesucht wirst,
dass der Stern von Bethlehem
das ganze Jahr über dir leuchten möge.

Quelle unbekannt

 

 

Verweltlichung Gottes

Dezember 2011

Und wäre Christus tausendmal

in Bethlehem geboren und nicht in dir,

du wärest ewiglich verloren.

Angelus Silesius

 

 

Gott kommt zur Welt und wird Mensch. Im Grunde ist es das Bekenntnis zu dieser kenotischen Bewegung Gottes, die das Christentum so anstößig macht:

Gott erniedrigt sich.

Gott bleibt nicht weltfern.

Gott wird ein armseliger Mensch - wie du und ich.

Die Entweltlichung ist Gottes Sache nicht.

 

Dabei ist die Menschwerdung Gottes in meinem Leben (Christus in mir) das Entscheidende: Das Weihnachtsfest läd ein, der Christus-Wirklichkeit im eigenen Leben nachzuspüren.