Religion lehren & lernen

Dr. Wolfgang Michalke-Leicht | Religionspädagoge

John Hattie: Visible Learning (2008)

28. Januar 2013

 

Mit seiner beeindruckenden Publikation Visibile Learning (2008) hat John Hattie das weite Feld der Unterrichtsforschung quasi über Nacht aufgemischt. Auf der Basis von 800 Metastudien, die sich summa summarum auf ca. 50.000 Einzelstudien beziehen, stellt er eine Liste jener Faktoren vor, die guten Unterricht befördern wie auch solche, die ihn verhindern. [Die deutsche Übersetzung erscheint Anfang Mai.]

 

Inzwischen rollt eine Welle der Euphorie durchs Land vor allem von seiten der Skeptiker jedweder Unterrichtsentwicklung. Nur zu gerne finden sie sich in Hatties Studie wieder und verkünden: wir haben es schon immer gewusst, entscheidend ist nur der Lehrer, alles andere ist "Gedöhns". Wozu also noch didaktische Konzepte entwickeln, kommt es doch vor allem auf den Lehrer an!

 

Wer jedoch genauer hinschaut und sich von der holzschnittartigen Polemik nicht irritieren lässt, wird schnell erkennen, was genau John Hattie darunter versteht, wenn er die Bedeutung der Lehrperson hervorhebt: "Dabei berücksichtigt er methodisch und inhaltlich sowohl die Perspektive der Schülerinnen und Schüler als auch die der Lehrkräfte. Beide sieht Hattie als Lernende und Lehrende an ("I see learning through the eyes of my students", "I help students to become their own teachers"). Diese aufeinander bezogene Interaktion bildet die Basis für "Visible teaching and learning"." (Stefanie Nickel: Pädagogik 11/12, 52.)

 

Die Professionalität der Lehrenden zeigt sich also gerade darin, dass sie die Lernenden nicht als Objekte der Belehrung betrachten, sondern als Subjekte des Lernens ernstnehmen. Diejenigen sind gute Lehrerinnen und Lehrer (auf die es freilich ankommt), die ihren Schülerinnen und Schülern das Lernen zutrauen und zumuten - und sich und ihre eigene Rolle als Lehrende in dieses Beziehungsgeschehen einordnen.

  • Visible Lerning englisch
  • Visible Learning deutsch
  • Aktueller Beitrag in der Zeit 02/2013
  • Einordnung der Hattie-Studie in die Unterrichtsentwicklung in: Bildung bweget Nr. 13 06/2011

 

 

 

Replik zur Fundamentalkritik von Hubertus Halbfas

10. Mai 2012

 

Mit seiner Monografie „Religionsunterricht nach dem Glaubensverlust. Eine Fundamentalkritik“ (Patmos Verlag Ostfildern 2012) hat Hubertus Halbfas eine Streitschrift vorgelegt, die hart ins Gericht geht mit den Verantwortlichen im (religionspädagogischen) Bildungsgeschehen. Angesichts einer von ihm konstatierten Situation des Glaubensverlustes prangert Halbfas in überaus deutlichen Worten das allseitige Versagen der Religionspädagogik und insbesondere den vermeintlichen Holzweg der Kompetenzorientierung an.


Zunächst ist Halbfas zuzustimmen. Die in den ersten drei Kapiteln seines Buches dargestellten epochalen Entwicklungen („Glaubensverlust – was heißt das?“, „Die Entwicklung des religiösen Bewussteins“ und „Die überfällige Neuvermessung der Glaubensvermittlung“) beschreiben die Realität sicher zutreffend. Kaum ein Religionslehrer oder eine Religionslehrerin, der oder die mit offenen Augen und Herzen den eigenen Schülerinnen und Schülern begegnet, wird das anders sehen.

 

Der vollständige Wortlaut der Replik findet sich zum Download hier.

 

 

Jahr des Glaubens

9. Februar 2012

 

Die Vorbereitungen für das sogenannte Jahr des Glaubens (11.10.2012 - 24.11.2013) laufen auf Hochtouren. Äußerer Anlass ist das 50-jährige Jubiläum der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Worum es dem Papst und der römischen Kurie eigentlich geht, wird inzwischen immer deutlicher. Am 6. Januar 2012 hat die Kongregation für die Glaubenslehre eine "Note mit pastoralen Hinweisen zum Jahr des Glaubens" veröffentlicht. Die Lektüre dieses Beitrags irritiert sehr, denn in diesem Text steht keinesfalls des Vatikanum II im Zentrumm. Vielmehr dreht sich alles um den Katechismus aus dem Jahr 1992. Primäres Anliegen dieser Note ist es, sämtliche Bereiche kirchlicher Pastoral und Katechese - nach römischer Lesart zählt dazu auch der Religionsunterricht - katechismuskonform zu machen, denn allein der Katechismus - so ist zu lesen - bietet die Gewähr einer authentisichen Leseart des Konzils. Welche Auswirkungen das u. a. auf den Religionsunterricht haben wird, dokumentiert ein Auszug aus dem Text (PDF).

Und ein weiterer Akzent fällt auf. Im sogenannten "Jahr des Glaubens" geht es - der Note nach - vor allem darum, das (objektive) Wissen um die katechismusgemäßen Glaubensaussagen in den Mittelpunkt zu rücken. Überhaupt nicht in den Blick genommen werden die existenziellen Dimensionen des Glaubens wie die Frage nach Religiosität, Spiritualität oder die persönliche Beziehung zu Gott.

Hier zeigt sich die tragische Engführung der römischen "Glaubensinitiative", bei der es eben nicht um "glauben", sondern primär um "wissen" zu gehen scheint. Eigentlich müsste die Kampagne eher "Jahr des Katechismus" heißen. Ob allerdings damit der Sehnsucht der Menschen nach einer lebendigen Beziehung zu Gott, nach einer gelebten Spiritualität geholfen wird, muss bezweifelt werden.

 

 

Doch, er ist wichtig!

28. Dezember 2012

 

In seinem derart überschriebenen Beitrag in der Wochenzeitung Die Zeit Nr. 45 vom 3.11.2011 läutet Michael Felten das angebliche Ende all jener didaktischen Konzepte ein, in deren Mittelpunkt das selbsttägige Lernen der Schülerinnen und Schüler steht. Dabei macht er es sich jedoch zu einfach, wenn er schreibt: "Mit unterschwelligem Zähneknirschen wurde lehrergesteuerten Arbeitsformen nun eine gewisse Gleichwertigkeit zuerkannt." Als ob diese jemals in Frage gestellt worden seien. Selbstredend ist Instruktion wichtig. Allerdings zeigt ein Blick in die alltägliche Praxis, dass konventioneller Unterricht zu einem Großteil ausschließlich instruktiv "gehalten" wird. Hier hat Felten wohl einiges verwechselt.

 

Auch in seinem Beitrag "Auf die Lehrer kommt es an" (Süddeutsche Zeitung vom 21.12.2011) konstruiert er mit seiner Gegenüberstellung "Didaktische Konzepte versus Lehrerpersönlichkeit" in gleicher Weise eine Antinomie, die an der unterrichtlichen Praxis schlicht vorbei geht.

 

Zum aktuellen Stand der Diskussion vgl. Thorsten Bohl / Diemut Kuchartz: Offener Unterricht heute. Konzeptionelle und didaktische Weiterentwicklung. Beltz Verlag Weinheim 2010.

 

 

Kompetenzorientierung im Religionsunterricht

10. November 2012

 

Der Religionsunterricht befindet sich gegenwärtig ebenso in einem dramatischen Umbruch wie die christlichen Kirchen (die evangelischen wie die katholische) überhaupt. Wir leben in einer „Agora-Situation“ jenseits der beiden großen Kirchen. Diese Wirklichkeit als Zeichen der Zeit zu lesen, ist in erster Linie eine große Chance, nicht ein Verlust.

Schülerinnen und Schüler haben durchaus eine große Sehnsucht nach Religiosität und Spiritualität. Oft sind es spröde und frustrierende Erfarungen mit den realexistierenden Gemeinden, die ihnen den Weg zu den chrsitlichen Quellen versperren. Der Religionsunterricht bietet den jungen Menschen vielfältige Chancen zur  Wahrnehmung dieser Quellen und zur Reflexion darauf.

Dass der religionsdidkatische Ansatz der Kompetenzorientierung geradein dieser Hinsicht seine großen Stärken hat, zeigt ein Beitrag in der Herderkorrespondenz 64 (11/2010, Seiten 588-592) auf.